
Meine Lieben,
Ich gebe euch einen kurzen Einblick, wie dieser Text zustande kommt.
Der 9.1.26 ist der Gedenktag für die Opfer von Grans Montana. Obwohl ich gerade in einem Nachdienst bin, will ich versuchen, diesen Tag bewusst zu begehen. Eine Kerze anzünden, inne halten. Die Trauer, das Entsetzen zulassen, es durch mich hindurchfliessen lassen, um es dann loszulassen. Ich hoffe, an diesem Tag, respektive Abend ein wenig abschliessen und mich wieder auf das Leben ausrichten zu können.
Leider ist der 9.1.26 auch der Tag, an dem die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats (SGK-N) beschliesst, die Umsetzung der Pflegeinitiative noch weiter zu verwässern. Ich lese die Pressemitteilung. Als Erstes wird der Opfer von Grans Montana gedacht. Und dann kommt dieser Satz:”Sie (die SKG- N) Anmerkung der Autorin) dankt den Rettungskräften und dem Gesundheitspersonal sowie allen weiteren Beteiligten für ihren unermüdlichen Einsatz.”
Ich frage mich, wie zynisch kann man sein und wie pietätlos, ein Schreiben, dass Pflegenden die Hoffnung auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen nimmt, mit einem solchen Satz zu beginnen? Gleichzeitig frage ich mich, ob es nicht vielleicht auch Kalkül ist, diese Pressemitteilung genau jetzt am 9.1 herauszugeben, wo die meisten von uns mit ihrer Trauer beschäftigt sind?
Es ist die Nacht vom 10./ 11.1., an der es aus mir herausfliesst. Diesmal ist es nicht ein Kommentar, sondern ich spreche direkt zu unseren Politikerinnen bis Politikern. Dies sind meine Gedanken, dies ist das, was ich Ihnen gerne sagen möchte. Ungeschminkt. Ungefiltert. In meiner ganzen Traurigkeit, meiner Enttäuschung, in meiner, pardon, abgefucktheit über das, was Sie gerade tun. Ich sende meine Worte hier heraus, im Vertrauen, dass sie erreichen werden, wen sie erreichen müssen.

Meine Damen bis Herren Politiker
Ich verstehe Sie nicht. Ich verstehe nicht, wie Sie so kurzsichtig handeln können. Was Sie da tun, ist ungerecht und gefährlich. Bereits zwei Einschläge hat es im Gesundheitswesen gegeben. Der erste war die Pandemie. Erinnern Sie sich? Volle Intensivstationen, sämtliche Gesundheitseinrichtungen am Anschlag? Die Gefahr, dass triagiert werden muss, also Kritierien aufgestellt werden müssen, wer noch eine Chance auf Überleben bekommt und wer nicht? Wissen Sie noch, wie Sie damals für uns geklatscht und darum gebeten haben, dass wir durchhalten? Einige von Ihnen haben sogar gesagt: “Wenn es vorbei ist, werden wir schauen dass es besser wird für euch.” Wir haben euch vertraut, nicht protestiert, sondern durchgehalten. Zwei Jahre lang sind wir einen Marathon gelaufen ohne zu wissen, wo und wann wir das Ziel erreichen. Wir sind über unsere körperlichen und psychischen Grenzen gegangen. Einige von uns so sehr, dass sie dem Beruf den Rücken kehren mussten. Und was habt ihr, als alles vorbei war für uns getan? Nichts. Ihr wolltet uns mit einem mickrigen Gegenvorschlag zur Pflegeinitiative abspeisen. Die Stimmberechtigten haben das glücklicherweise verhindert. Und nun lasst ihr uns mit dieser Nichtumsetzung der Pflegeinitiative erneut im Stich. Ich kann es nicht anders sagen, ihr habt uns verraten. Wenn Sie es weniger pathetisch wollen, kann ich auch verarscht sagen, es kommt auf das selbe raus.
An den zweiten Einschlag muss ich euch nicht erinnern. Wenn doch, würde ich Ihnen dringend raten einen Neurologen aufzusuchen, dann ist mit Ihrem Gedächtnis etwas sehr im Argen.
Die Silvesternacht. Grans Montana. Bevor ich mit Ihnen weiter mache, gedenke ich der 40 Opfer, den 110 Verletzten und ihren Familien. Mein Herz ist bei euch. Euren Schmerz kann ich nur erahnen.
Werte Damen bis Herren Politiker, zurück zum Thema. Wie glauben Sie war es, als in der Silvesternacht bei Rettungskräften und Pflegenden das Telefon klingelte: “Du musst kommen, es gab ein Grossereignis.” Wie glauben Sie war es, in jener Nacht auf einer Notfallstation zu sein und all die Verletzten mitbetreuen zu müssen? Was denken Sie wie geht es diesen Personen heute? Ja, ich versuche Ihnen ein bisschen Empathie beizubringen, denn Ihr Entscheid, die Pflegeinitiative so zu verwässern, dass sie wirkungslos wird, hat direkten Einfluss auf solche Szenarien. Dieses Mal haben wir es (noch) geschafft, dass alle Verletzten Erstversorgt werden konnten. Worüber aber niemand spricht, ist die Tatsache, dass eine adäquate Weiterbehandlung nur mit Hilfe der umliegenden Länder möglich ist. Was, wenn dies nicht funktioniert hätte? Sehen Sie, genau deshalb, sage ich Crans Montana ist der zweite Einschlag.
Dennoch wird im Parlament mehr darüber gesprochen, wer und was denn jetzt die Schweiz angreifen könnte. Für diese Eventualität werden Gelder gesprochen, da fühlen Sie sich zuständig. Für den Boden der Schweiz, fühlen Sie sich zuständig, aber nicht für die Gesundheit der darauf lebenden Menschen?
Zwei Einschläge. Beide Male haben wir funktioniert. Das Unmögliche Möglich gemacht. Nach der Pandemie wurde uns das mitunter vorgeworfen. Wir hätten halt dann streiken sollen, dann hätten wir etwas erreichen können, weil Druckmittel, wurde uns gesagt. Aber wir können das nicht. Wir können nicht unterlassen, wofür wir angetreten sind: für das würdige Leben aller Kranken, Gebrechlichen und Verletzten. Immer mehr habe ich den Eindruck , dass Sie sich genau darauf verlassen. Auch das ist zynisch. Und kurzsichtig. Irgendwann wird das nicht mehr funktionieren. Weil zu wenige von uns da sind. In Ihrer Rechnung vergessen sie eines: die nächste Generation. Diese Generation ist nicht mehr bereit, sich aufzuopfern, mehr zu geben, als möglich ist. Sie können jetzt schimpfen: Die wollen alle nicht mehr arbeiten! Oder Sie können genauer hinsehen. Diese Generation will leben. Diese Generation hat gesehen, wie ihre Eltern sich hingegeben haben, ihre eigenen Träume vergessen und wie wenig sie dafür zurück bekommen haben. Wie jede andere Generation, will sie es anders, vielleicht auch besser machen. Darum fragen sie sich in der Berufswahl schon: Was gibt mir dieser Beruf? Wenn wir (damit meine ich Sie als Politiker*innen, unsere Berufsverbände und uns Pflegende) es hinkriegen, die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen zu verbessern, wird Pflegefachperson ein sehr beliebter Beruf bei der nächsten Generation sein. Es gibt kaum einen Beruf, der sinnstiftender sein könnte.
Wenn nicht, werden Sie , meine Damen bis Herren Politiker die sein, die irgendwann zu hören bekommen: “Warum haben Sie zugelassen, dass in unserem Land keine Pflegenden mehr sind? Warum haben Sie zugelassen, dass Menschen sterben müssen, weil sie nicht versorgt werden können? Warum haben Sie nichts getan?” Es ist ihre Wahl, ob Sie diese Fragen jemals beantworten müssen.
Meine Damen bis Herren Politiker, was Sie mit meinen Worten machen ist ihre Sache. Sie sind gesagt. Sie sind bei ihnen. Wenn Sie mich nicht nur verstanden sondern auch begriffen haben, zeigen Sie es der Welt durch Ihre Taten. Dankeschön.
Hochachtungsvoll
Patricia Tschannen
Pflegefachfrau HF/ Pflegehexe

Ich möchte diesen Text mit den Worten von Aline Morisoli, einer der drei jungen Menschen, die an der Trauerfeier für Crans Montana gesprochen haben abschliessen. Ihre Worte sind es, die mir Mut machen, die mich weiter einstehen lassen für unseren Beruf, für unser Gesundheitswesen:
“Wir sind eine Generation, die in einer fragilen, manchmal harten oft ungerechten Welt aufwächst. Und doch, trotz der Zweifel, trotz der Angst, geht unsere Generation weiter voran. Sie kämpft weiterhin für das, woran sie glaubt. Ja, es gibt noch so viel zu tun, so viele Dinge zu reparieren, wieder aufzubauen, anders zu träumen. Aber wir sehen auch junge Menschen, die aufstehen, die sich weigern aufzugeben, die für diejenigen kämpfen, die sie begeistern.
Vergiss nie, warum du kämpfst,
vergiss nie, für wen du kämfpst.
Jede Anstrengung zählt, auch die, die niemand von dir sieht.
Du gibst dein Bestes mit dem, was du hast, in einer Welt, die dich nicht immer verschont. Vielleicht, wie du sagst, nicht genug, oder vielleicht sogar nie.
Also lassen Sie uns Ihnen sagen: Heute sind wir stolz auf Sie. Bleibt stark. Bleibt standhaft. Und solange die Sonne scheint, jeden Augenblick geniessen, so zerbrechlich er auch sein mag. Man kann dem Leben keine Tage hinzufügen, aber man kann dem Tag Leben hinzufügen.”
Lasst uns diese Worte, zum Leitstern von 2026 machen.
In Verbundenheit, Eure
Pflegehexe
Patricia Tschannen
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