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Das meine ich

«Das Gesundheitswesen fliegt uns um die Ohren», diesen Satz habe ich schon häufig genutzt. Natürlich meine ich das metaphorisch. Dennoch scheint einigen immer noch nicht klar zu sein, wie dramatisch die Lage ist und glauben es sich weiterhin leisten zu können, sich auf irgendwelchen Nebenbühnen verwirklichen zu können. Darum möchte ich heute Klartext sprechen. Was meine ich, wenn ich sage: «Das Gesundheitswesen fliegt uns um die Ohren»?

Im Nachtdienst, Patient*innen betreue, die aufgrund ihrer Komplexität auf die IMC gehöern. Dort ist das Verhältnis Pflegende – Patient*in 1:2. Auf meiner Station 1:12. Komplexität bedeutet: Viele Zu- und Ableitungen, die ich im Blick haben muss: Fördern sie das was sie sollen, oder etwas anderes? Muss ich darauf reagieren? Viele zu verabreichende Medikamente, deren Wirkungen und Nebenwirkungen nicht ohne sind. Sie müssen in der richtigen Dosierung bereitgemacht werden, zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Weise verabreicht werden. Sind die Medikamente mit der Grundinfusion kompatibel oder muss ich diese abstellen? Ist nur ein Gedanke, den ich mir jedes Mal machen muss. Meist sind diese Patient*innen immobil, müssen zur Dekubitusprophylaxe gelagert werden. Wenn sie zur Toilette müssen, ist das nicht in 5min gemacht. Das kann locker bis 30min dauern. Während ich das bei eine*r solchen Patient*in noch knapp leisten kann, wird es bei 4 oder mehr unmöglich und dann sind ja noch 8 andere, die auch nicht wegen Hand – und Fussschweiss hospitalisiert sind. Mein Arbeitspensum ist also von Beginn an so hoch, dass es für mich gar nicht zu bewältigen ist. Egal wie flink oder erfahren ich bin oder wie sehr die Dokumentation runtergefahren wird. Das, was ich am Bett leisten sollte, ist unmöglich zu schaffen, auch bei mir hat eine Stunde nur 60min. Doch damit nicht genug. Diese komplexen Situationen können sehr schnell instabil und somit lebensbedrohlich werden. Die Atmung kann sich plötzlich verschlechtern, Schockzeichen können auftreten, das Bewusstsein sich verändern. Jetzt ist schnelles Reagieren gefragt. Für mich heisst das, ich stehe über eine längere Zeit an einem (!) meiner 12 Patient*innenbetten, überwache, führe Verordnungen de*r Ärzt*innen aus, wie Blut abnehmen, Medikamente verabreichen, ich überwache. Dies wiederum bedeutet, dass ich 11 andere Patient*innen nicht mehr im Blick habe. Ich würde also nicht merken, wenn noch jemand, instabil wird. Das ist ein Spiel mit dem Leben dieser Menschen.

Das meine ich, wenn ich sage: «Das Gesundheitswesen fliegt uns um die Ohren.»

 

Einige werden jetzt sagen: «Warum sind diese Menschen denn auf der Normalstation, wenn sie dort nicht handelbar sind.» Meine erste berndeutsche Reaktion darauf: «Witzchiste!» (Witzkiste). Weil die Intensiv- sowie IMCs vollgelaufen sind. Und warum sind sie das? Weil auch dort Pflegende fehlen, und die, die noch da sind nicht unbegrenzt mehr Patient*innen betreuen können. Also können Patient*innen erst auf die Intensiv übernommen werden, wenn diese kurz vor REA sind. Einigermassen stabile Patient*innen werden auf Normalstation verlegt, damit Betten zur Verfügung stehen, für Menschen, die in Lebensgefahr sind. Noch schaffen wir es «irgendwie», dass alle eine Chance auf Überleben erhalten. Doch wie lange noch? Und was, wenn wirklich triagiert werden muss. Im Sinne: Wer bekommt das letzte IPS – Bett?

Das meine ich, wenn ich sage «Das Gesundheitswesen fliegt uns um die Ohren.»

 

Ich arbeite ausschliesslich nachts. Nicht selten kommt es vor, dass der/die zuständige Dienstarzt*in im OP oder im Schockraum beschäftigt ist, wenn ich anrufe, um Veränderungen des Allgemeinzustandes eines Patienten zu melden. Noch ist die Situation nicht lebensbedrohlich, sie kann es aber schnell werden. Ich bräuchte jetzt die ärztliche Einschätzung der Situation und auch die Verordnung von Massnahmen, beides liegt nicht in meiner Kompetenz. Doch der/die Dienstärzt*in ist gerade dabei ein akut bedrohtes Leben zu retten und kann nicht weg. Manchmal kann ich noch selbst entscheiden. Manchmal kann ich nur zusehen, wie die Situation so bedrohlich wird, dass ich die Intensivärzt*innen bemühen muss/kann. Niemand der so etwas nicht schon einmal erlebt hat, weiss, wie sich das anfühlt.

Das meine ich, wenn ich sage: «Das Gesundheitswesen fliegt uns um die Ohren.»

Der limitierende Faktor sind zurzeit die Pflegenden. Händeringend versuchen die Insitutionen neues Pflegepersonal zu finden. Da werden Werbefilme gemacht, Werbungen auf Socialmedia und anderswo, geschaltet was das Zeug hält. Vor allem aber versuchen sie angestammtes Personal zu halten. Doch ihr finanzieller Spielraum ist eng. Warum? Weil trotz all dem Effort, den die Basis ärztlich und pflegerisch erbringt, die Institutionen Defizit einfahren. Sie müssen sparen. Und keiner weiss wo. Der Exodus geht derweil ungebremst weiter. Teilweise verlassen ganze Teams gleichzeitig die Institutionen. Viele dieser Pflegenden verlassen den Beruf ganz. Auf Nimmerwiedersehen. Diese «Löcher» werden mit Temporärangestellten, Frischdiplomierten und auch Fachpersonen Gesundheit gestopft. Doch das funktioniert nicht. Temporäre kennen die internen Abläufe und Standards nicht, sie sind auch nicht in der Lage die Stationen als Tagesverantwortliche zu führen, Frischdiplomierte können keine langjährige Mitarbeitenden ersetzen (und diese Erwartung kann auch niemand ernsthaft an sie stellen) und Fachpersonen Gesundheit können viel, aber auch sie sind kein gleichwertiger Ersatz für eine Pflegefachperson HF. Die Folge: wichtiges Wissen geht verloren, Situationen eskalieren schneller, weil nicht rechtzeitig Massnahmen ergriffen werden. Fehler passieren, weil die Standards nicht umgesetzt werden. Der positive Genesungsprozess der Patient*innen wird so verzögert oder verringert. Mitunter sind sie an Leib und Leben gefährdet.

Das meine ich, wenn ich sage: «Das Gesundheitswesen fliegt uns um die Ohren.»

Hochintelligente Politiker*innen in Deutschland sind auf den Trichter gekommen, die sog. «Leiharbeit» bei uns Temporärarbeit zu verbieten, damit alle Pflegefachpersonen wieder in Institutionen arbeiten müssen. Diese Pflegefachpersonen arbeiten jedoch häufig temporär, weil sie nur so die Bedingungen vorfinden, in welchen sie überhaupt noch in ihrem Beruf tätig sein können. Die würden nicht zurück in die Festanstellung gehen, die würden aussteigen!

Nicht so arbeiten zu können, wie es gelernt und wie es nötig ist. Immer wieder selber zu selektionieren: Welche Massnahmen führe ich aus und welche muss ich sein lassen, hinterlässt auf Dauer Spuren. Im Fachbegriff wird das «moralische Verletzung» genannt. Die hohe Arbeitsbelastung geht körperlich an die Substanz, ebenso wie die Schichtarbeit. Pflege unter diesen Umständen ist Hochleistungssport. Um da bestehen zu können, braucht es Erholungszeit. Ein Gegengewicht, bei dem die Pflegenden Kraft tanken können. Bei einem 100% Pensum nahezu unmöglich. Doch nicht alle sind finanziell in der Lage, das Pensum zu reduzieren. Und irgendwann sagt der Körper oder die Seele: Stop! Diese Pflegefachpersonen fallen lange Zeit aus, viele kehren nicht mehr an die Basis zurück. Es wird jetzt einige überraschen, aber auch Pflegende sind Menschen. Auch sie werden krank. Fehlt aber noch jemand auf dem Dienst, kann das von den Übriggebliebenen kaum mehr bewältigt werden. Es werden Leute aus dem Frei geholt. Viele Pflegende sind auch in ihrer Freizeit zumindest kognitiv ständig auf Abruf. Noch mehr Energie, die verloren geht, noch mehr Pflegende, die irgendwann aussteigen, weil sie nicht mehr können.

Das meine ich, wenn ich sage: «Das Gesundheitswesen fliegt uns um die Ohren.»

 

Dieser Text ist aus der Perspektive einer Pflegefachfrau im Akutspital geschrieben. Wer jetzt denkt, in den anderen Bereichen wird es ja wohl nicht so schlimm sein, hat weit gefehlt. Ich bin sicher, meine Kolleg*innen aus der Psychiatrie, der Langzeitpflege, der Spitex könnten ebenso erklären, was «Das Gesundheitswesen fliegt uns um die Ohren» konkret bedeutet.

Bevor ich diesen Text beende, möchte ich eines klar stellen: Dass sich an dieser Situation etwas ändert, liegt nicht in der Verantwortung und auch nicht im Handlungsspielraum der Pflegenden. Ihre einzige Verantwortung ist es, zu sagen, dass es nicht mehr geht und wo die Probleme liegen. Das habe ich hiermit ein weiteres Mal getan.

 

Patricia Tschannen, Pflegefachfrau HF

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Kommentare: 2
  • #1

    Therese Grossenbacher (Montag, 13 März 2023 11:22)

    Liebe Patricia
    Dein Artikel bringt das auf den Punkt, was unsere tägliche Realität ist in der Somatik, Psychiatrie oder im Langzeitbereich. Da kann rückständiges, unqualifiziertes Denken in Politsendungen, Diskussionen nicht darüber hinwegtäuschen, sondern es wird kostbare Zeit verschwendet um nach wirklich guten Lösungen zu suchen. Viele strategische Gremien von Institutionen haben noch nicht erkannt, dass die operative Ebene kreative (Um)Denkansätze benötigt, dh. Führungskräfte, die bereit sind hinzuschauen, hinzuhören, Fragen zu stellen und insbesondere den Menschen an der Basis nahe zu sein und sie in ihre Überlegungen einzubeziehen. Ihre Arbeit wertzuschätzen mit echtem Engagement und das eigene Ego zu Gunsten des Gelingens zurückzustellen.
    Im Sinne von; „der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“. Einsparungen können sich in vielen Bereichen machen lassen, wenn seriös analysiert wird, ohne die Basis zu schwächen.
    Liebe Pflegende, packen wir‘s an, laufen wir nicht davon, sondern hören wir uns zu und kreieren konstruktive, gemeinsame Lösungen!
    Klatschen und Schokolade verteilen ist hier nicht gemeint…

  • #2

    Markus (Dienstag, 14 März 2023 18:17)

    Liebe Patricia
    Ich lese ja so ziemlich alles von Dir. Aber dieser "Umdieohrenfliegtext" ist etwas besonderes. Direkt aus der Pflegeküche... besser kann man die aktuelle Situation wohl kaum in Worte fassen. Ich bin stolz, Dich zu kennen. Herzliche Grüsse Markus